Second-Victim-Erfahrungen in der Notfallsanitäter:innenausbildung

Ergebnisse der ersten deutschen Querschnittsstudie zu Prävalenz, Symptombelastung und Unterstützungsbedarfen

Autor/innen

  • Eva Kircher SRH University of Applied Science Heidelberg, Campus Stuttgart
  • Matteo Esposito SRH University of Applied Science Heidelberg, Campus Stuttgart

DOI:

https://doi.org/10.25974/gjops.v3i1.75

Schlagworte:

Second Victim, Notfallsanitäter:innen, Rettungsdienst, psychische Belastung, Patent:innensicherheit

Abstract

Hintergrund: Das Second-Victim-Phänomen beschreibt die psychische und emotionale Belastung von Gesundheitsfachpersonen infolge belastender Ereignisse, unerwarteter Patient:innenschäden oder medizinischer Fehler (Wu, 2000). Während das Phänomen für verschiedene Gesundheitsberufe bereits untersucht wurde, fehlen bislang Daten für Auszubildende zum/ zur Notfallsanitäter:in.

Fragestellung: Ziel der Studie war die Untersuchung der Prävalenz des Second-Victim-Phänomens, der damit verbundenen Symptomlast sowie der Bewertung von Unterstützungsmaßnahmen bei Auszubildenden zum:zur Notfallsanitäter:in in Baden-Württemberg.

Methodik: Es wurde eine quantitative Querschnittsstudie mittels anonymisierter Online-Befragung durchgeführt. Als Grundlage des zielgruppenspezifisch modifizierten Erhebungsinstruments diente der SeViD-Fragebogen (Second Victims in Deutschland). Die angepasste Version wurde vor der Hauptbefragung mit zehn Personen (fünf Studierende und fünf Kolleg:innen) pregetestet. Die Rekrutierung erfolgte über zwölf Rettungsdienstschulen in Baden-Württemberg. Die interne Konsistenz betrug für die 22 Symptomitems Cronbachs α = .855 und für die 11 Items zu Unterstützungsmaßnahmen α = .819. Erfasst wurden soziodemografische Merkmale, Erfahrungen mit dem Second-Victim-Phänomen, auslösende Ereignisse, Symptome sowie die Bewertung von Unterstützungsmaßnahmen. Die statistische Auswertung erfolgte deskriptiv sowie mittels Binomialtest, Wilcoxon-Test, Mann-Whitney-U-Test und Chi-Quadrat-Test.

Ergebnisse: In die Analyse gingen die Daten von 94 Auszubildenden ein. Insgesamt berichteten 44,7 % von mindestens einer Second-Victim-Erfahrung. Die häufigsten auslösenden Ereignisse waren Reanimationen und Todesfälle von Patient:innen (je 21,4 %), gefolgt von wahrgenommenen Behandlungsfehlern (19,1 %). Zu den häufigsten Symptomen zählten Schuldgefühle (73,8 %), Selbstzweifel (69,1 %) und Konzentrationsstörungen (57,1 %). 92,6 % kannten den Begriff Second Victim vor der Befragung nicht. Psychosoziale Unterstützungsmaßnahmen wurden signifikant hilfreicher bewertet als organisatorisch-administrative Angebote.

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass Second-Victim-Erfahrungen bereits während der Ausbildung häufig auftreten und mit relevanten psychischen Belastungen verbunden sind. Die geringe Bekanntheit des Phänomens weist zugleich auf Defizite in der Sensibilisierung und curricularen Verankerung hin. Die Befunde unterstreichen daher die Bedeutung einer frühzeitigen Sensibilisierung sowie strukturierter Nachbesprechungen und verlässlicher Unterstützungsangebote bereits während der Ausbildung.

Fazit: Rettungsdienstschulen, Lehrrettungswachen und Rettungsdienstträger sollten das Second-Victim-Phänomen curricular verankern und strukturierte Debriefings, Peer-Support sowie professionelle Unterstützungsangebote etablieren. Praxisanleitende nehmen hierbei eine zentrale moderierende Rolle ein.

Veröffentlicht

2026-09-18 — aktualisiert am 2026-09-18

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